{"id":555,"date":"2022-12-23T20:17:28","date_gmt":"2022-12-23T19:17:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.marcolehner.at\/?p=555"},"modified":"2023-08-13T18:47:48","modified_gmt":"2023-08-13T16:47:48","slug":"von-einer-hausgeburt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.marcolehner.at\/?p=555","title":{"rendered":"Von einer Hausgeburt"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Frau w\u00fcnschte sich von Anfang an eine Hausgeburt und ich, der mehr und mehr die Geheimnisse nat\u00fcrlicher artgerechter Lebensgestaltung abseits stereotyper und gelenkter Massenrituale entdeckte und leben wollte, konnte mich dar\u00fcber nur freuen. Sie las B\u00fccher von und \u00fcber Frauen, die ihre Kinder alleine zu Hause oder auch im Wald auf die Welt gebracht hatten, in tiefer spiritueller \u00dcberzeugung, in Demut und Glauben an ihre innere Kraft. Auch ich fing an, vergriffene und nicht mehr neu aufgelegte Literatur von Hebammen, die Hausgeburten empfahlen und betreuten, zu lesen. Still und leise ist das Ritual der Geburt in einen halbstandardisierten traumatischen Krankenhausablauf umroutiniert worden, das sich der moderne technokratische Mensch kaum noch anders vorstellen kann. Berichte \u00fcber Kaiserschnitte und Bet\u00e4ubungen, weggeschlossene M\u00e4nner etc. werden unreflektiert als Erfahrungsberichte hingenommen und ja, vielleicht hat es nicht anders sein m\u00f6gen.<br>Vielleicht aber doch, sofern es der Wunsch und die tiefe \u00dcberzeugung der Frau ist. Dieses Terrain kann von einem Mann nicht anders betreten sondern nur dem\u00fctig begleitet werden. Im Grunde kann er nur da stehen und zusehen, staunen und bezaubert sein, welche Wunder abseits gesellschaftlicher Normen zu finden sind, wenn man fest daran glaubt und vertraut. Beides sp\u00fcrte ich sehr stark in meiner Frau und ich freue mich sehr, hier als Mann dar\u00fcber zu schreiben. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>I<br>In einer Samstagnacht einige Tage vor dem Geburtstermin begann in meiner Frau ein leichtes Ziehen, das unsere Hebamme telefonisch als Vorwehen identifzierte und meinte, es k\u00f6nnte morgen soweit sein, aber auch erst in zwei Wochen.<br>In der Nacht darauf wachte ich gegen ein Uhr morgen auf und fand meine Frau konzentriert atmend vor einem Stuhl knien. Sie bestand darauf, den angemieteten Geburtspool vorzubereiten. Ihr Tonfall war ruhig und bestimmt, so dass ich genau wusste, worum es ging, auch wenn ich selbst so meine Zweifel hatte von den vielen Erz\u00e4hlungen, wie Erstgeburten so abliefen und wie lange sie dauerten.<br>Anfangs wollte ich sie noch mit Zureden und Ber\u00fchrungen begleiten, so wie wir es in einem Hypno-Birthing-Vorbereitungskurs empfohlen bekommen hatten, aber es stellte sich schnell heraus, dass es f\u00fcr sie leichter war, wenn wir darauf verzichteten. Sie war ganz von sich aus in Hypnose, so dass wir kaum gelernte Techniken brauchten. Ich lie\u00df den Pool, der nicht mehr war als ein praktisches und robusteres Planschbecken, eher halbherzig ein, worauf ich einen kritischen Blick meiner Frau erntete. Mein erster Gedanke war immerhin, dass das Wasser sicher kalt sein w\u00fcrde, ehe es wirklich so weit war. Ich hatte oft keine besondere praktische Veranlagung, was solche Angelegenheiten betraf, nachdem sie es sich aber relativ schnell darin bequem gemacht hatte und sichtlich entspannter f\u00fchlte, sorgte ich daf\u00fcr, dass immer wieder warmes Wasser zugef\u00fchrt und bestehendes abgeleitet wurde. Das erforderliche Equipment hatten wir von unserem Geburtshaus mitbekommen. Das war im Grunde die einzige Aufgabe, die ich die Nacht \u00fcber inne hatte. Meine Frau atmete konzentriert dahin und ich hockte aufmerksam neben ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>II<br>Die Anweisungen der Hebamme hatten gelautet, so lange bis zum n\u00e4chsten Anruf zu warten, bis die Schmerzen nicht mehr ertr\u00e4glich seien. Irgendwann in den fr\u00fchen Morgenstunden entschied ich, nachdem weder meine Frau noch ich genau einsch\u00e4tzen konnten, wo wir standen, dennoch anzurufen. Ich hatte den Eindruck, dass sie in ihrer beschwerlicher gewordenen Atmung bereits presste und das kam mir in meiner Wahrnehmung reichlich fr\u00fch vor, denn es waren noch keine drei Stunden vergangen. Weder meine Frau noch ich konnten ahnen, dass wir uns aus der sogenannten \u00d6ffnungsphase bereits in die Geburtsphase bewegt hatten. Die Hebamme versicherte mir, dass sie sich nun auf den Weg machen w\u00fcrde und ich ja inzwischen schon mal \u201enachsehen\u201c k\u00f6nnte. Sehen konnte ich aufgrund des tr\u00fcben Wassers, der St\u00fctzstellung meiner Frau am Beckenrand und des d\u00e4mmrigen Lichts rein gar nichts. In meiner Handfl\u00e4che f\u00fchlte ich allerdings bereits etwas Gro\u00dfes, Weiches, das mich ziemlich erschreckte.<br>Die zeitliche Abfolge zu dieser Zeit ist mir leider in Anbetracht der magischen Energie, die sich aufgebaut hatte, kaum mehr zug\u00e4nglich, auch wenn ich kurze Zeit hinterher soviel wie m\u00f6glich notierte. Was ich erfahren durfte, \u00fcberstieg jegliche mir bekannte m\u00fcndliche und schriftliche Erz\u00e4hlung. Ich f\u00fchlte im tr\u00fcben lauwarmen Wasser deutlich eine runde Form und kurz darauf eine Gliedma\u00dfe. Das Zimmer war abgedunkelt, nur schummriges Licht, der nasse R\u00fccken meiner Frau vor mir und ich nur angewiesen auf meinen Tastsinn. Ich konnte zuerst nicht zwischen Bein, Arm und Nabelschnur unterscheiden, obwohl mir klar war, dass wohl schon von allem etwas DA war. DA. Und es ging sehr schnell.<br>Ich f\u00fchlte diesen weichen zarten K\u00f6rper in meinen H\u00e4nden und leistete eine Art Beihilfe mit leichtem Zug aber auch wieder nicht, mit einfachem Halten und Sp\u00fcren und einer so gro\u00dfen Ehrfurcht und Vorfreude, dass ich innerlich f\u00f6rmlich gluckerte. Die Zeit stand f\u00fcr eine Weile absolut still und ich hatte das Gef\u00fchl, die Ewigkeit zu ber\u00fchren.<br>Einige Minuten, bevor die Hebamme schlie\u00dflich l\u00e4utete, hielten wir unseren Sohn in einer Art gemeinsamen Umarmung im Becken, vorsichtig herumwurschtelnd um ihn nicht zu besch\u00e4digen, staunend, was uns da aus tiefen dunklen und ebenso \u00fcberraschten Augen anstarrte und sogar kurz grinste.<\/p>\n\n\n\n<p>III<br>Es war uns etwas passiert, das wir nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tten. Eine Geburt ganz f\u00fcr uns. In allen weiteren Schritten half uns gl\u00fccklicherweise die Hebamme weiter bis hin zur Abnabelung und Gewichtsermittlung.<br>Von einigen Hausgeburten h\u00f6rt man, dass sie dennoch im Krankenhaus enden. Auch das ist ein Weg, der m\u00f6glich ist und gegangen werden muss, wenn es die Situation erfordert. Entscheiden wie und ob man sich vorbereitet, muss jeder f\u00fcr sich. Ich bin sehr stolz auf diese Weise berichten zu k\u00f6nnen. Bei manchen Zuh\u00f6rern habe ich bemerkt, wie sie entweder schwiegen oder sogar Entsetzen ausdr\u00fcckten, andere haben sich \u00fcber alle Ma\u00dfen mit uns gefreut. Diese Spektren gibt es auf der Welt. Von Erz\u00e4hlungen wei\u00df ich, dass mein Vater bei meiner Geburt nicht dabei war. Ich habe Fruchtwasser geschluckt und war sogar eine Woche von meiner Mutter getrennt. Mein Verlangen nach einer heimeligen Geburt voller W\u00e4rme und Vertrauen war mir sehr wichtig, erzwingen l\u00e4sst sich da nat\u00fcrlich gar nichts.<br>Immer, wenn ich mich an die Geburt von unserem Sohn erinnere, erf\u00fcllt mich dieses Gef\u00fchl der Dankbarkeit und Demut, das ich jenen Menschen da drau\u00dfen w\u00fcnsche, die sich f\u00fcrchten, neues Terrain zu betreten. Liebt und vertraut. Betet. Bereitet euch vor. Erwartet das Unerwartete.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Frau w\u00fcnschte sich von Anfang an eine Hausgeburt und ich, der mehr und mehr die Geheimnisse nat\u00fcrlicher artgerechter Lebensgestaltung abseits stereotyper und gelenkter Massenrituale entdeckte und leben wollte, konnte mich dar\u00fcber nur freuen. Sie las B\u00fccher von und \u00fcber Frauen, die ihre Kinder alleine zu Hause oder auch im Wald auf die Welt gebracht &hellip; <a href=\"https:\/\/www.marcolehner.at\/?p=555\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eVon einer Hausgeburt\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":556,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-555","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-familie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.marcolehner.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.marcolehner.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.marcolehner.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.marcolehner.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.marcolehner.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=555"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.marcolehner.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":752,"href":"https:\/\/www.marcolehner.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555\/revisions\/752"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.marcolehner.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/556"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.marcolehner.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=555"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.marcolehner.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=555"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.marcolehner.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=555"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}