Spuren im Strand

Ich folgte den im Sand schwierig zu lesenden Fußstapfen der Qualle bis in den verregneten Kunstmarkt gegenüber der Strandpromenade. Es regnete nur über dem Marktgelände, rundherum schien eine interessierte und liebevolle Sonne. Die Qualle legte sich bereitwillig auf eine Töpferscheibe und streckte ihre Tentakeln in die Höhe.

Sie stellte sich tot bis um fünf Uhr Nachmittag. Dann stolzierte sie zurück an den Strand. An diesem Tag lernte ich, dass es auch unter den Tieren Schlafwandler gab.

Auf dem Kreuz liegen

Das Puppenschiff meiner Schwester ankerte mitten auf dem Teppich im Wohnzimmer. Barbie und Ken lagen auf dem hinteren Deck splitternackt übereinander, mit ausgestreckten Gliedern und sperrangelweiten Aufkleberaugen inmitten verstreuter Miniatursektflaschen.
Sie konnten nur entsetzt sein, so meine Vermutung, über die ihnen vorenthaltenen Geschlechtsteile, weshalb sie gezwungen waren, sich zu betrinken statt zu vögeln.

Propagandaflucht

Die Bergspitze war voll besetzt. Die Leute ließen die Sonne in ihre Gesichter eindringen. Nur ein Polizeihubschrauber hätte die Idylle zerstören können. Es war eine Art samstäglicher Fluchthügel. Der Gesellschaftsvirus war ein Nebel und wir entkamen ihm auf den sonnigen Gipfel.

26.10.2020

– Vielleicht ist es auch Zeit, das Land zu verlassen, sagte sie.
– Ich will hier nicht mehr leben. Es gibt andere Länder, wo die Bürger wacher und respektvoller miteinander umgehen. Wo Regierungen nicht über Nacht ihr Gesicht wechseln und Steuergelder veruntreuen und ihr Volk unter druck setzen um erhöhte Sicherheitsmaßnahmen durchzusetzen.
– Wo soll das sein?
– Ich weiß es nicht. Aber ich werde es herausfinden.
– Dieselben Dinge passieren auf der ganzen Welt. Du kannst nirgends hin. Du müsstest schon auf den Mond und selbst dort würdest du es schwer haben.
– Auf dem Jupiter herrschen angeblich die lebensfeindlichsten Bedingungen. Stürme. Säure. Keine feste Oberfläche. Das wäre eine natürliche Umgebung für unsere Politik. Ich kann mir ihre Körper gut vorstellen, wie sie sich vor einer jupitergeeigneten Fernsehkamera nach und nach auflösen, Gewebe und Muskeln abschürfen, die Knochen freilegen und ihre schwarzen gewittrigen Seelen in die Partikelwelt des Jupiteres entladen werden.
– Ich sollte mich nicht einschüchtern lassen. Aber mein Körper wird zittrig, wenn er sich zuhause ausmalt, was alles passieren könnte. Polizei. Bürger. Sicherheitsleute.
– Auf den Bahnhöfen stehen Polizisten mit Maschinengewehren. Warum? Um auf Viren zu schießen oder auf Menschen ohne Schutzmaske? Alles nur Einschüchterung. Nichts davon ist legal. In so einer merkwürdigen neuzeitlichen Eile wird alles durchgewunken und als gegeben hingenommen, als würde man damit direkt auf das Paradies zusteuern, einer vorgehängten Karotte hinterhereilen, die man nie fangen wird. Ich weiß das alles, aber mein Körper unterstützt mich nicht ausreichend. Ich versuche meine Rechte auswendig zu lernen, die Paragraphen und so weiter. Ich habe rechtsanwältliche Notfallnummern notiert, alles.