Wenn ich ihn neben mir sitzen habe in der Badewanne, nackt neben nackt in Mandelölwasser, da erscheint es mir immer wieder so unbegreiflich, dass nicht nur ich einen Sohn habe sondern dass mein Sohn auch mich hat, einen Vater und dieser Begriff täglich so neu dahergerollt kommt, so dass ich mich abwechselnd fürchte und freue bei dieser Aufgabe, bei dieser Rolle, bei diesem Mysterium, denn ich will mir weder vorstellen ohne ihn zu sein noch dass er ohne mich ist. Ich möchte einfach da sein, da, da, dieses Da ist meine gesamte Aufgabe, während ich einige Wochenstunden Geldscheine aufsammle, die ebenfalls nötig sind um Da zu sein. Durch ihn sind wir anders da, das ist Familie, begreife ich.
Ich schreibe ein Logbuch, um einiges davon festzuhalten, die geliebten Schnappschüsse, Polaroids von täglichen Errungenschaften, Gefühlshöhen und Tiefen, je nach Wind und Wetterlage, die Höhen der Wellen, auf denen wir schaukeln und segeln. Es ist kein Romantikbewerb, kein Prestigeprojekt. Es lässt die dargestellte Außenwelt vergessen, die seltsamen Propagandakonstrukte. Familienkunst, das ist die Skulptur, an der wir arbeiten, die wir formen, in Gesellschaft und privat, wir sind ein kleiner Kernkristall in einem unsteten Gefüge von Freiheit und Verwirklichung. Die Mutter liest auf der Picknickdecke, das Kind inspiziert das Gras und ich, der Vater, zeichne eine Margaritenblüte in sein Notizbuch.

Vorstellungsvermögen ist auch ein Vermögen. Das trägt man bei sich und nicht zur Bank, obwohl es auf dem einen oder anderen Bänkchen durchaus zu einem gewaltigen Vorstellungvermögen kommen kann, wenn man seiner Seele den Raum dafür gibt.

Manchmal warte ich richtig auf die erste Laus, die mir über die Leber läuft. Ich kann gar nicht erwarten, sie zurechtzuweisen, ihr den Richter und den Henker zu machen, sie zu zerquetschen, sie platt zu machen.
Nachrichtensprecher sind meine Spezialität. Vor allem ihre wortverdrehenden saloppen Schilderungen und ihre gefährliche Reichweite haben es mir angetan. Sie beeinflussen in großem Stil und sind deutlich eine Gefahr für Zuhörer, die alles breitmundig nachzuquatschen bereit sind.
Aquaplaning hat den Unfall verursacht, sagen sie. Das böse Aquaplaning als eigenständige Bewusstseinsform hat die Macht über den Fahrer übernommen und ihm die Sinne und jegliche Verantwortung geraubt.
Ich ärgere mich über solche Schlampereien, aber ich will es nicht als Ärger weitergeben sondern als aufgeschlüsselte Reihenfolge von Fakten. Und weil ich selbst auf den Verkehr achten muss, kann ich den Moderator nicht sachgemäß überführen. Er bleibt weiter auf freiem Fuß.

Die Treffen mit Vertrauten brachten aber auch mehr Tiefe und Klarheit und immer weitere entsetzliche Wahrheiten, zum Teil so unglaublich, dass ich nur noch lachen konnte. Ja, wenn Österreich und Deutschland nur angestellte Firmen durch einen Alliiertenpakt und im Kriegsrecht festgehalten waren, während so getan wurde, als hätte der Weltkrieg tatsächlich geendet, dann erscheint mir das durchaus befriedigend verständlich. Es würde für mich erklären, warum das Land und die Menschen so waren wie sie waren. So unwirklich sich auch der Rest der Welt momentan anfühlte. Man musste, auch wenn man sich dabei tollpatschig fühlte, dennoch darüber schreiben. Da gibt es keine Fakten augenblicklich, keine Überzeugungsarbeit nur leises Beobachten, nicht einmal ein Schlussfolgern, gar nichts, nichts. Nur verzweifelte Akteure, die ihren Kopf über einem Faktennebel halten wollen um noch etwas Luft zu ergattern, die sie sich zunehmend selbst abschneiden und dabei sogar noch Leute mitnehmen. Das Mitgehen allerdings, das lässt sich gut vermeiden. Mein Vertrauen ist zumindest ein ebengleicher wertiger Nebel, ebenso undurchsichtig, aber zumindest pulsiert darin mein ureigenes Sonar, das ich halbwegs gut hören kann. Und wenn ich das Signal ausgesandt habe und es um mich pocht und der abgetastete Raum mit seinen Untiefen und Nischen deutlich wird, dann kann ich auch besser schlafen.

Die Menschen mit dem Gespür dafür, die wissen auch so, was gemeint ist, die vervollständigen in ihren Herzen und mit ihrem Verstand, während andere verteufeln, ablehnen oder ohnehin abgelenkt sind.

Nach wie vor ließ ich keine gefrorene Pfütze an mir vorbeiziehen. Ich zertrat sie zärtlich, so wie man einen Löffel in eine Eiskugel gleiten lässt,

nicht mit dem gesamten Körpereinsatz,

mit gespitzten Ohren

und einem zum Absprung bereiten Herzen.

Qualle im Schlafrock

Ich folgte den im Sand schwierig zu lesenden Fußstapfen der Qualle bis in den verregneten Kunstmarkt auf der anderen Straßenseite. Es regnete nur über dem Marktgelände, rundherum auf der Strandpromenade schien eine interessierte und liebevolle Sonne. Die Qualle legte sich dort bereitwillig auf eine Töpferscheibe und streckte ihre Tentakeln in die Höhe, nahm also eine gänzlich unorthodoxe und ihrer GEwohnheit völlig entgegengesetzte Position ein. So stellte sie sich tot bis um fünf Uhr Nachmittag um dann wieder zurück an den Strand zu stolzieren. An diesem Tag lernte ich, dass es auch unter den Tieren Schlafwandler gab, Träumer und Grenzgänger. Und ich war der einzige, der sie dabei beobachten konnte, weshalb ich hier davon berichte. Denn dadurch werden sich diese Sichtungen häufen.

Messestand der Kreidezeit

Auf dem kleinen Messestand wurde veranschaulicht, wie Fabriken und Eigenheime der Dinosaurier ausgesehen hätten, wenn sie ein noch längeres meteoritenfreies Zeitfenster auf Erden gehabt hätten.
Um den Stand betreten zu dürfen musste man sich entscheiden entweder auf allen Vieren anzutreten oder wankend auf zwei Beinen, je nachdem, ob man sich für Carnivore oder Herbivore entschieden hatte.
Als Herbivore wurde man aufgrund der friedlichen Annäherung in einen Salon geschickt und erst später bedient, während die Carnivoren ungeduldig in einer Warteschlange mit ihren Krallenfüßen im Sand scharrten und schneller bedient wurden, damit man sie schneller los war.